Ich bin froh, dass ich gekommen bin, resümierte der Hettstädter Bürgermeister Eberhard Götz über seine Teilnahme am Projekt Rollentausch im St. Josefs-Stift Eisingen. Natürlich kannte er wie auch die anderen Teilnehmer des Projekts, Paul Lehrieder, Hans-Georg Rüth, Volker Faulhaber, Pfarrer Josef Wirth und Alexander Zink, die Einrichtung aus unterschiedlichen Besuchen. Beim Stiftsfest oder bei anderen besonderen Gelegenheiten kamen sie in Kontakt mit den Menschen. Manch einem Gast blieb auch die ein oder andere Persönlichkeit in Erinnerung und dennoch machten die wenigen Stunden, die die Gäste im Zuge des Projekts Rollentausch in der Einrichtung verbrachten, einen erheblichen Unterschied. Man erlebt die Entschleunigung, meinte Bundestagsabgeordneter Paul Lehrieder. Als Politiker ist man es gewohnt, immer aktiv zu sein: wo kann ich mit anpacken, was kann ich tun? Das Projekt Rollentausch dagegen lässt den Alltag zu: das Sich-dazu-setzen und Dabeisein. Für die meisten Projektteilnehmer ist dieser Perspektivenwechsel zunächst eine Herausforderung. Anfangs bin ich ganz nervös geworden, weil die Betreuerinnen den behinderten Menschen nicht permanent hinterher gelaufen sind, erzählt Eberhard Götz. Aber die professionelle Ruhe und Gelassenheit der Mitarbeiterinnen hätte ihm gezeigt, dass sie die Situationen sehr gut einschätzen konnten. Das erzeugte bei ihm einen großen Respekt vor der heilpädagogischen Arbeit.
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Andrea Schödl |
| Zu Besuch in der Gruppe: Paul Lehrieder MdL (3.v.li.), Ralf Wentritt (2.v.re.) |
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Für Abteilungsdirektor Hans-Georg Rüth von der Regierung von Unterfranken sei das eindringlichste Erlebnis, gewesen, eine Sägearbeit mit einem Beschäftigten der Förderstätte durchzuführen. Da der schwer behinderte junge Mann seine Hände nicht selbstständig koordinieren kann, benötigt er für diese Arbeit Handführung. „Man denkt nicht, wie viel Kraft in ihm steckt“, meinte Rüth. In der Zeit der gemeinsamen Arbeit kommen sich die beiden näher. „Es war ein unglaublich schönes, gemeinsames Erlebnis. Man merkt, wie viel Menschen mit Behinderung ausdrücken und geben können. Das erwartet man im ersten Moment gar nicht.“ Beim Rollentausch machen viele Menschen die gleichen Erfahrungen. Der Unterschied besteht aber darin, dass jeder sie auf seine individuelle Weise macht. Von der Spontaneität behinderter Menschen hat jeder schon einmal gehört, aber in welcher Weise sie sich äußert, erlebt jeder ganz individuell. Der Bürgermeister von Kist, Volker Faulhaber, fand es interessant, die Verhaltensweisen der Werkstattbeschäftigten in der Mittagspause zu beobachten. „Normalerweise kennt man den Rhythmus in Kantinen. Hier nicht. Die Menschen agieren ganz anders, durchbrechen mit ihren Handlungen den erwarteten Verlauf. Das ist spannend zu beobachten“, meinte Faulhaber. Auch Ingenieur Alexander Zink faszinieren die unterschiedlichen verbalen und nonverbalen Kommunikationswege: „Es hat mich sehr beeindruckt, wie unterschiedlich man sich hier verständigt.“ Mit den persönlichen Erfahrungen verändert sich die Wahrnehmung der Gäste. Sie erleben einerseits den Umgang mit manch alltäglicher Schwierigkeit, andererseits erfahren sie, woraus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im St. Josefs-Stift Eisingen ihre täglich Motivation ziehen. „Die Herzlichkeit, mit der jeder ernst und angenommen wird, beeindruckte mich sehr“, sagt Pfarrer Josef Wirth. Im Abschlussgespräch wird diese neue individuelle Wahrnehmung sichtbar. Jeder bringt Themen ein, die ihn am meisten bewegt haben. Oft fällt der Satz „Das hätte man schon früher mal machen sollen“ oder „Es wäre schön, wenn mehr Menschen diese tieferen Einblicke bekommen könnten“. Manchmal könnten Politiker oder prominente Gäste ganz konkrete Hilfe anbieten, doch meist geht es darum, dass Menschen und Mitarbeiter im sozialen Bereich durch sie eine Stimme bekommen. Die Aktion „Rollentausch“ ist mehr als nur eine PR-Maßnahme, denn erst wenn sich die Fotographen verabschiedet haben, beginnt das Erlebnis. Am Ende des Tages sind alle Beteiligten um eine persönliche Erfahrung reicher. Aktion RollentauschEinmal in die Rolle des anderen zu schlüpfen, dazu waren Politiker, Regierungsbeamte, Geschäftspartner und Vorstände in der Woche vom 23. bis 28. April ins St. Josefs-Stift Eisingen eingeladen. Im Rahmen der bayernweiten Aktion „Rollentausch“, die vom Forum Soziales Bayern initiiert wurde, nehmen sechs Personen des öffentlichen Lebens, nämlich der Bundestagsabgeordnete Paul Lehrieder, Bürgermeister Eberhard Götz aus Hettstadt, Bürgermeister Volker Faulhaber aus Kist, der Abteilungsdirektor Hans-Georg Rüth, Alexander Zink vom Ingenieurbüro Zink und Pfarrer Josef Wirth vom Vorstand des Vereins St. Josefs-Stift Eisingen, gerne die Gelegenheit wahr, die Einrichtung aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Verständnis für die Situation von Mitarbeitern im sozialen Bereich zu erhalten, das ist die grundlegende Idee des Projekts. Für das St. Josefs-Stift ist es auch eine Möglichkeit, die Tore der Zentraleinrichtung sichtbar zu öffnen, weiß der Organisator des Projekts Rollentausch Ralf Wentritt. Die Aktion wurde durch das Forum Soziales Bayern ins Leben gerufen, in dem neben Vertretern des Sozialministeriums insbesondere die Wohlfahrtsverbände, die Sozialpartner, die kommunalen Spitzenverbände sowie Mitglieder der Landtagsfraktionen mitwirken. |